Historische Entwicklung und Strukturwandel in Dornheim

Überreste aus der Jungsteinzeit und Funde aus der Bronzezeit in der Dornheimer Gemarkung weisen bereits auf frühe ortsfeste Feldbestellung und Viehhaltung. Aus der Eisenzeit stammen die 11 Grabhügel im Dornheimer Eichwald. Seit 90 n. Chr. war unsere Region römisches Reichsgebiet und gehörte zur obergermanischen Provinz. Für die römische Zeit konnte am Schwarzen Berg eine Straßenstation nachgewiesen werden, die an einer wichtigen Heerstraße lag und die Kastelle Groß-Gerau und Gernsheim verband. Besonders prägend für unsere Gegend war danach die fränkische Besiedlung im 6. Jahrhundert n. Chr., nachdem die Franken u.a. die Alemannen verdrängt hatten.

Die Endsilbe „heim“ im Ortsnamen deutet auf eine fränkische Siedlung hin. Der Name „Dornheim“ entstand wohl dadurch, dass in fränkischer Zeit die Gemeinde ihre Weiden und auch das Dorf selbst mit Dornenhecken befriedete, d.h. einzäunte. Diese Hecken bestanden neben Wildobst vor allem aus Weiß- und Schwarzdorn.

Schon auf dem ältesten Gerichtssiegel aus dem Jahr 1549 ist der Dornbusch als Motiv zu finden. Die erste schriftliche Erwähnung Dornheims stammt aus der Zeit Karls des Großen in einer Schenkungsurkunde an das Kloster Lorsch vom 30. Juni 779. Deshalb wurde 1979 die 1200-Jahr-Feier mit einem großen Fest im Ort begangen.

1248 wurde das Reichsdorf Dornheim an die Grafen von Katzenelnbogen verpfändet. Das Erbe dieser Grafen traten die Landgrafen von Hessen 1479 an. Seitdem war Dornheim – zum Amt Dornberg und zur Zehnt ‚Zum Hohlen Galgen‘ gehörend – ein hessisches Dorf.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Dorf weitgehend zerstört. Wenige Häuser blieben unbeschädigt, von der Bevölkerung überlebte nur die Hälfte.

Schon im Mittelalter gab es hier zwei Kirchen, was für die Bedeutung des Dorfes spricht. Die Hauptkirche stand dort, wo heute der Friedhof ist. Die evangelische St.-Michaels-Kirche in der Ortsmitte (ursprünglich eine Kapelle) wurde erst 1597 Pfarrkirche und 1810 an ihrer jetzigen Stelle neu errichtet. Seit 1583 hat Dornheim eine eigene Schule. Sie stand – wo jetzt der Parkplatz ist –  hinter der Kirche.

Das 18. Jh. war geprägt von Grundherrschaft, Dreifelderwirtschaft und Weidewirtschaft. Weltliche und geistliche Lehnsherren besaßen 100 % des Landeigentums. Erst 1811 wurden die Leibeigenschaft und 1836 die Abgaben und Dienste der Bauern an den Grundherren abgeschafft. In der Landwirtschaft gab es eine einschneidende Veränderung durch den zusätzlichen Anbau von Futterkräutern sowie Hackfrüchten.

Durch die Einführung von Maschinen in der Landwirtschaft Mitte des 19. Jahrhunderts sowie durch die fortschreitende Industrialisierung wandelte sich Dornheim langsam vom reinen Bauerndorf zur Arbeiterwohngemeinde.

Die übliche Realteilung bei der Vererbung führte zur Verkleinerung der landwirtschaftlichen Betriebe, so dass eine Familie davon nicht mehr leben konnte. Daher suchten sich viele ein zweites Standbein, indem sie sich handwerklich betätigten, anfangs für den Eigenbedarf und für die Nachfrage im Dorf.

Die Einführung der Gewerbefreiheit 1866 war ein weiterer wichtiger Impuls für die wirtschaftlichen Veränderungen in Handwerk und Handel. Auch für die jüdischen Mitbürger verbesserte sich die Situation. In Dornheim gab es jüdische Viehhändler, Metzger, Handelsleute und kleine Ladenbesitzer. Als die israelitische Gemeinde wuchs, baute sie 1863 in der Rheinstraße 27 eine Synagoge, die 1938 in der Reichspogromnacht zerstört wurde.

In den letzten 200 Jahren lassen sich als Hauptgewerbezweige in Dornheim nachweisen:  

Holzverarbeitung und Baugewerbe: Küfer, Wagner, Zimmerleute, Schreiner, Maurer, Steinhauer, Glaser, Sattler/Tapezierer, Weißbinder und Schilfrohrflechter.

Bekleidungsgewerbe: Schneider, Schuster.

Nahrungs- und Genussmittel: Metzger, Bäcker, Müller, Ölmühlenbetrieb, Käserei, Dampfmolkerei, Bierbrauer, Brandweinbrenner, Gastwirte.

Metallverarbeitung: Schmiede, Schlosser, Spengler.

Kaufmännischer Bereich: Landwirtschaftliche Genossenschaft, Handelsleute, Konsumgeschäft, Fahrradhandel, Krämerladen, Händler für Milchprodukte, Spezereien, Süßwaren, etc.

Dienstleistungsbereich: Barbier/Friseur, Gärtner und Kranzbinder, Hebamme, Arzt, Krankenschwester, Totenfrau, Totengräber, Hirten (z.B. Gänsehirte), Fasel- und Gestütswärter (für die Vatertierhaltung).

Während gewisse Berufe wie Küfer oder Wagner mit der Zeit an Bedeutung verloren, gab es z.B. für Fuhrunternehmen verbesserte Chancen, als Dornheim im Jahr 1879 an die Riedbahn (Frankfurt-Mannheim) der Hessischen Ludwigs-Eisenbahngesellschaft angeschlossen wurde. Die Bahn brachte eine wichtige Anbindung für die Güterversorgung (z.B. Kohle, Düngemittel) und für den Personentransport, insbesondere für Pendler und bot zugleich als personalintensives Unternehmen selbst viele Arbeitsplätze.

Der Erste Weltkrieg brachte große wirtschaftliche Belastungen und die Jahre danach waren geprägt durch französische Besatzung, Inflation, Wirtschaftskrisen, Arbeitslosigkeit und politische Instabilität.

Da die Bevölkerung weiter wuchs und nicht mehr alle von der Landwirtschaft leben konnten, suchten immer mehr Menschen eine Beschäftigung in den Industrie- und Großbetrieben im Umkreis  (z.B. Opel, MAN, Faulstroh, Helvetia oder in der  Zuckerfabrik).

An den Arbeitsvorgängen beim Ernten und Dreschen sind die revolutionären technischen Entwicklungen besonders gut erkennbar. Zu riesigen Veränderungen im Alltag und in der Arbeitswelt kam es auch durch die zunehmende Elektrifizierung und die Nutzung von Elektromotoren.

Der Einsatz von Traktoren Ende der 30-er Jahre und in immer kürzeren Abständen weiterer Maschinen unterstützten diesen Prozess, der menschliche Arbeitskraft und tierische Zugkraft durch Technik ersetzte. Dies führte zu rasanten Produktionssteigerungen, bei gleichzeitig immer weiter sinkendem Bedarf an Menschen. Durch die Motorisierung nahm außerdem der Verkehr ständig zu.

Der Zweite Weltkrieg brachte für die gewerbliche Wirtschaft einen gewissen Tiefpunkt, weil viele Produktionsstätten zerstört waren und Arbeitskräfte fehlten. Da jedoch als Folge des Krieges 550 Vertriebene und Evakuierte nach Dornheim kamen, konnte dieser Mangel etwas aufgefangen werden. Unterstützt durch die Währungsreform 1948 war in den 50-er Jahren so etwas wie ein „Wirtschaftswunder“ auch hier im Gerauer Land möglich. Danach konnte die Infrastruktur auch in Dornheim insgesamt verbessert werden: durch den Ausbau von Straßen, Kanalisation und Kläranlage sowie den Bau der „Riedhalle“, der Grundschule, einer neuen Friedhofshalle, moderner Sportanlagen, Kindergärten und Spielplätzen.

Die Integration der Neubürger gelang damals relativ schnell, weil sie sich aktiv in den Vereinen und Verbänden im Ort beteiligten. Die Tatsache, dass damals viele Katholiken aus Böhmen oder dem Sudetenland kamen, trug  dazu bei, dass es ab 1968 in Dornheim eine katholische Kirche gab.

Eine der größten Gewerbebetriebe auf Dornheimer Gemarkung ist das Wasserwerk Ried, jetzt „Hessenwasser“, ein wichtiger Wasserlieferant im Rhein-Main-Gebiet und darüber hinaus. Da seit der Wasserförderung ab 1967 der Grundwasserspiegel sank, wurde hier der Beregnungs- und Bodenverband gegründet, der sich durch die gemeinschaftliche Nutzung des Maschinenparks durch die Landwirte auch internationale Anerkennung schaffen konnte.

In den 70-er Jahren ist der Ort durch Ausweisung neuer Baugebiete (z.B. ‘Am Mühlweg‘, ‘Im Biet‘) in der räumlichen Ausdehnung erheblich gewachsen. In jüngster Zeit führte der Zuzug von Migranten zu einer weiteren Veränderung in der Bevölkerungszusammensetzung. Die größten wahrnehmbaren Veränderungen im Alltagsleben – auch in Dornheim, das seit dem 1.1.1977 Stadtteil von Gross-Gerau ist – gab es in den letzten Jahren in den Bereichen Mobilität, Energienutzung, Massenmedien und Nachrichtenwesen.

Meinhard Semmler /  im November 2013

 

Literatur

Kreisausschuss des Landkreises GG (Hrsg.): Lebendige Heimat. Der Kreis GG 1832 - 1957

Kreisausschuss der Landkreises GG (Hrsg.): Landkreis GG. Monographie einer Landschaft. Mainz 1969

Kreisstadt GG (Hrsg.): Das Reichsdorf Dornheim. Gross-Gerau/Dornheim 1979

Schneider, Ernst u.a.: Landkreis Gross-Gerau. Kultur und Wirtschaftsportrait. München 1978, S. 77-79

Skala, Franz: Im Paradies war noch ein Zimmer frei. Eine Familienchronik. GG 2001